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III.
Was waren die Gründe für die Fahrt?
1.
Grund
Als
Junge hatte ich in der freien Natur relaxen können. Ich
konnte im Gras liegen und träumen oder den Wald auf mich
einwirken lassen. Habe ich interessante Tiere gesehen, z.B.
Grünspecht, Schwarzspecht, Kleiber, den Kernbeisser und die
Karpfen in der Muna, den Hecht in Netteberge, den Schwalbenschwanz
in der Eifel oder die Gänse, Milan, Fischadler an den
Dülmener Seen, wo ich von Alstedde aus mit dem Fahrrad
hingefahren bin, so hat mich das aufgebaut, irgendwie zufrieden
gemacht und ich war innerlich ruhig. Schon in der Studentenzeit
fing aber die Unruhe an, die sich immer mehr verstärkte. Wenn
ich später auch längere Wanderungen unternommen habe, so
waren die Gedanken doch hauptsächlich beim Betrieb: Wie geht
es weiter, wird dieses oder jenes klappen, habe ich richtig
gerechnet, warum macht der Kunde wieder Schwierigkeiten, was kann
ich dagegen tun, wie kann ich dafür sorgen, dass die Leute
auch weiterhin Arbeit haben, usw. Eine innere Ruhe, auch eine
Vorübergehende war nicht mehr zu finden.
Und
das macht auf die Dauer sehr aggressiv.
Ich
habe also mit dieser Reise versucht, eine innere Ruhe
wiederzufinden. Dieses ist mir übrigens nicht gelungen. Die
innere Unruhe hat mich ständig weiter getrieben. Jeder km
Umweg störte mich und ich versuchte, ihn zu vermeiden. Dazu
kommt das aggressive Fahrverhalten vieler Afrikaner und ich bin in
Afrika nie alleine gewesen. Nach diesen 5 Monaten weiß ich,
daß ich mich nie einsam gefühlt habe. Eher habe ich die
Hotels gesucht, um mal allein sein zu können. Jeder Schritt
und jede Bewegung wurde beobachtet. Weiterhin sind an den Strassen
so gut wie keine Tiere zu sehen, weil sie mit Feuer verscheucht
werden. Dazu später noch mehr.
2.
Grund
In
Punkt 1. hatte ich schon die Aggressivität angesprochen. Ein
2. Punkt, der mich aggressiv macht, ist das Zahlungsverhalten der
Kunden. Wenn ein Kunde nicht bezahlen will, dann kann ich nichts
dagegen machen. Eine mögliche Selbstjustiz könnte noch
schädlichere Folgen haben.
Ein
Gang zum Gericht ist erfolglos, weil der Richter einen Vergleich
sucht, die Gegenseite auch etwas anführt, die Gerichtskosten
durch Schadensersatzansprüche hochgeschraubt werden und der
Betrieb immer der Dumme ist. Egal, wie es ausgeht. Der Kunde hat
die fertige, vollständige Arbeit - ohne fertige, vollständige
Arbeit braucht man das Gericht nicht zu bemühen -und er hat
das Geld, dass er uns nicht bezahlt.
Ich
habe die Unkosten durch die getane Arbeit, ferner Unkosten, da ich
als Antragsteller Gerichtskosten vorstrecken muss und ich habe das
grössere Risiko.
Das
Beste, was mir passieren kann ist, der vollständige Gewinn
des Gerichtsstreites und der hat nur zur Folge, dass ich das Geld
kriege, auf das ich sowieso Anspruch habe - verbunden mit vielem
Ärger.
Der
Kunde hat hauptsächlich Gewinn. Da ein Vergleich angestrebt
wird, muss er fast immer weniger bezahlen, als wenn er meine
Leistung bezahlt hätte.
Ist
der Kunde also Geldinteressiert und Schwein genug, ist der übliche
Gang vorprogrammiert.
Und
von diesen Leuten gibt es mehr als genug und es wird als Sport
angesehen. Der Kunde wird wegen eines Rechtsstreits mit einem
Unternehmen nicht schlecht angesehen, wohl aber das Unternehmen.
Dazu
kommt bei mir noch die Erfahrung: Wenn ich zu Gericht gegangen bin
und gewonnen habe, so hoben die Kunden die Hand, dass sie kein
Geld haben ... und protzten weiter.
Wenn
ich also die Berge erkämpft hatte und an diese Kunden dachte,
so hoffte ich vor der Reise, meine Aggressionen gegen diese Leute
zu verlieren. Aber so war es leider nicht. Es würde nicht
reichen, wenn ganz Europa ein Berg wäre, den ich erklimmen
müsste.
Was
habe ich auf meiner Reise zu diesem Punkt gelernt?
Da
möchte ich als Beispiel alle von mir besuchten Hotels in
Nigeria anführen.
Folgendes
möchte ich vorausschicken. Wenn ich ein Hotel gesucht habe,
so habe ich immer nach dem Besten Hotel des Ortes und auch in der
Gegend gefragt. Ich habe mich nie nach einem preisgünstigem
Hotel erkundigt.
Nun
ist es so, wenn man in Nigeria in einem Hotel übernachten
will, dann muss man das Geld zzgl. einer Kaution im voraus
bezahlen. Die Kaution bekommt man bei Abreise zurück. Sie
beträgt ungefähr ¼ des Zimmerpreises.
Bevor
ich zusage, kann ich mir das Zimmer ansehen. Mein Griff geht zum
Wasserkran: Es kommt kein Wasser. Reaktion des Hotelpersonals: Es
ist jetzt kein Wasser da, aber das Wasser wird um 6.00 Uhr
angestellt.
Meine
nächste Frage gilt dem warmen Wasser. Reaktion: Wenn Wasser
da ist, wird es in dem Boiler warm ...
Meine
Erfahrung zeigt mir, dass der Boiler defekt ist. Ich weise auf die
Lampe hin, die leuchten müsste ...
Es
folgt ein verlegenes Schalten an den Schaltern im Raum und dann
wird mir ein anderes Zimmer gezeigt, oder zugegeben, daß
warmes Wasser nicht möglich ist.
Im
Ebinyi Hotel in Abakaliki, wo sich das eben beschriebene
abspielte, hat mich die Portiersfrau nicht ins Zimmer gelassen,
bevor ich bezahlt hatte; natürlich mit Kaution. Ich erklärte
ihr, daß ich nicht gern im Flur meine Taschen auspacke, um
an mein Geld zu kommen, sondern daß ich das lieber im Zimmer
mache. Aber sie ließ mich nicht ins Zimmer. Ich mußte
im Flur aus meinen Taschen das Geld holen.
Im
Presedential Hotel in Enugu das Spiel mit dem warmen Wasser wie
vorhin beschrieben. Aber das I-Tüpfelchen war die
Restaurantbedienung. Nachdem ich Tee bestellt hatte, bekam ich
eine Kanne mit ca. 4 Tassen Inhalt. Dazu 4 Stück Zucker, der
nach 2 Tassen verbraucht war. Ich bat um weiteren Zucker. Die
Kellnerin erklärte mir daraufhin, dass Zucker schädlich
sei. Ich beruhigte sie, dass ich nicht zuviel Zucker zu mir nehme
und ich bat noch mindestens 3-mal um Zucker. Alles ausgesprochen
freundlich, denn ich hielt das für einen Scherz.
Dann
fragte sie mich, wieviel Zucker ich denn haben wollte. Da ich die
verbleibende Teemenge nicht genau abschätzen konnte, sagte
ich » 6 Stück ». Nach weiterer Aufforderung bekam
ich 4 Stück. Nun kam die Rechnung. Bei jeder einzelnen
Essensbestellung, d.h. Vorspeise, Hauptspeise usw. wurde mir schon
gesagt, was ich zu bezahlen hätte, so daß mir die
Gesamtsumme schon bekannt war. Ich hatte dem Personal schon
scherzhaft die Summe genannt, denn Afrikaner benötigen immer
einen Taschenrechner. Und nun überschritt die zu zahlende
Summe die vorher von mir genannte. Und was war? Ich musste den
Zucker extra bezahlen.
Es
geht mir nicht um das Geld, aber das Frühstück am
nächsten Morgen schmeckte mir schon jetzt nicht mehr.
Ich
gab der Bedienung relativ viel Trinkgeld für den Koch mit dem
Hinweis, sie möchte ihm ausrichten, daß ich lange nicht
mehr so ein leckeres Essen gehabt habe, aber ich trotzdem aufgrund
der v.g. Dinge nicht wiederkommen werde.
Normalerweise
würde ich ein Hotel sofort verlassen, aber es war jeweils das
Beste und oftmals das Einzigste.
Soll
ich mich mit meinem Betrieb so verhalten? Das Geld hatten die
Hotels jeweils sicher. Aber sie hatten keine Gäste. Ich war
oft der Einzige.
Gern
hätte ich den jeweiligen Manager nach seinem wirtschaftlichen
Zurechtkommen gefragt, aber abgesehen von den
Sprachschwierigkeiten wollte ich aus diesen Lügenhotels
schnell wieder weg.
Das
kann also die Lösung nicht sein. Hoffentlich muß ich
nicht noch einmal nach Nigeria.
Es
ist aber eine Möglichkeit, nach der getanen Arbeit nicht noch
hinter dem Geld herlaufen zu müssen.
3.
Grund
Ich
hatte einfach das Gefühl, die Fahrt durchführen zu
müssen.
a)
Als Jugendlicher stand ich vor einer Weltkarte und dachte mir, daß
es doch eigentlich eine Kleinigkeit sein muß, mit dem
Fahrrad auf der Afrikanischen Seite des Mittelmeeres zu fahren. Es
schien nur weit zu sein. Das war alles. Dieses geriet aber dann in
Vergessenheit.
b)
1998 war ich wegen der Tropenholzdiskussion zur Information mit
dem Flugzeug in Yaounde. Es war eine Woche von morgens früh
bis abends spät vollgestopft mit interessanten Informationen
über den Wald, über die Bäume und deren
Verarbeitung. Ich sah von den Baumschulen über Plantagen,
Holzdiebstahl, den hiesigen Zuschnitt bis zu den Schreinereien,
wie das Holz hier gezogen und benutzt wird. Der Abschied fiel mir
schwer und im Flugzeug habe ich lange weinen müssen. Es war
ein positives Weinen und ich wußte nicht, warum. Aber ich
wußte, daß ich wiederkommen würde. Heute vermute
ich, daß ich die Herzlichkeit der Menschen gespürt
hatte.
c)
Der Zeitpunkt für die Fahrt war günstig. Wir hatten ein
großes und gutes Auftragspolster, ich hatte eine Vertretung
für meine Arbeit gefunden und ich hatte lange genug fast ohne
Urlaub gearbeitet.
d)
Die Reisevorbereitungen waren schon sehr interessant und schön.
Zuerst habe ich Mitfahrer gesucht und dadurch viele interessante
Menschen getroffen. Denn die anderen Interessierten waren durchweg
sehr in Ordnung.
e)
Dann hat das Einkaufen und Aussuchen der hochwertigen Ausrüstung
viel Spaß gemacht. Das Studieren der umfangreichen Kataloge,
das Lesen der Afrikalektüre mit den vielen Reiseberichten,
das Lernen der Internetnutzung und nicht zuletzt das Lernen der
französischen Sprache in Montpellier. Es war aber mehr ein
schöner Urlaubsaufenthalt mit netten Studenten, als
Französisch lernen. Was soll's, etwas hat es geholfen.
Ich
hatte mich auch nie weiter für Kleidung interessiert, aber
für die Fahrt musste ich es. Und dann natürlich die
Technik: GPS und Orbcom-Gerät ist schon faszinierend. Mit
einer Verzögerung von einem Monat, weil das Orbcom-Gerät
noch nicht da war,bin ich dann am 30.07.2000 losgefahren.
Ich
fuhr allein los, hatte dann für einige Tag Begleitung und bin
ab Rhonedelta alleine weitergefahren.
Und
das war sehr gut so. Ich kann nur empfehlen, eine solche Tour
alleine zu fahren.
Es
waren alles durchweg schöne Tage. Immer noch etwas ungewiß,
was mich erwartet, überquerte ich das Mittelmeer. Auf der
Fähre spürte man das erste Fremdländische. Die
Musik, die Sprache, die anderen Menschen..... aber alle nett. Beim
Verlassen der Fähre hupten die Menschen, die mit der Fähre
zurück fahren wollten. Sie winkten, klatschten Beifall,
hießen mich willkommen usw. Dann in der Großstadt
Tanger die große Hilfsbereitschaft, einen neuen Tacho zu
kaufen. Es gibt ja kein Fahrradgeschäft wie in Europa.
Irgendwo hat jemand das gewünschte Gerät und das muß
man ausfindig machen. Und viele Menschen halfen mir dabei,ohne das
sie gleich etwas dafür haben wollten.
Und
nach 2 Tagen wußte ich, daß es viel schöner ist,
in Afrika zu radeln,als in Europa. Die Herzlichkeit der Menschen
an der Straße kann sich bei uns niemand vorstellen, der es
nicht selbst erlebt hat. Wo gibt es das bei uns, daß die
Menschen vom Straßenrand oder vom fahrenden Auto aus einem
Radfahrer die Hand zur Begrüßung reichen? Es war in
Afrika und es tat gut und es sollte mit einigen Unterschieden bis
Kamerun nicht aufhören.
In
diesem Punkt bin ich auch sehr erfreut, daß es ein Deutscher
war, dem ich die Verlobungsfeier in Kenitra zu verdanken habe.
Also gibt es noch Hoffnung für die offene Freundlichkeit in
Europa. Und vor allen Dingen will ich die Europäer hier nicht
schlecht reden, aber dazu später.
f)
Günstig war auch die Freundschaft mit Nazaire, der in Yaounde
in einer passenden Entfernung für eine Radtour wohnte. So war
das Ziel gegeben. Und ein Ziel, finde ich, muß man haben.
4.
Grund
Ich
wollte einfach mal etwas ganz anderes sehen und täglich
erleben; von den Alltagsdingen ganz abschalten und mit den anderen
Kulturen und Menschen direkt Kontakt haben.
Für
all diese Dinge ist das Fahrrad das richtige Verkehrsmittel.
Zwischendurch fragten viele, warum ich denn nicht mit dem Motorrad
fahren würde. Meine passendste Antwort war diese:« Dann
würde ich jetzt nicht mit Dir sprechen, nicht bei Euch
schlafen, nicht mit Euch essen und trinken, sondern nur
vorbeirasen, wie die vielen anderen, die Du siehst, wenn Du zur
Straße guckst.« Diese Antwort leuchtete vielen ein.
Und sie war natürlich auch richtig. Durch das Fahrrad war die
Zeitdauer vorgegeben. Wegen der körperlichen Anstrengungen
mußte ich Pausen einlegen. Ich mußte nach ca. 80 - 100
km übernachten, egal, was da war. Und das war gut so. Ich
mußte spätestens abends den Kontakt suchen. Und so
lernte ich die vielen Menschen, jung und alt kennen, mußte
mich eigentlich fügen, denn ich wollte ja in Ihrem Schutz
übernachten und erfuhr eine überwältigende
Gastfreundschaft. Und die ist umso größer, je ärmer
die Menschen sind. Auch dazu an späterer Stelle noch mehr.
5.
Grund
Ich
wollte einfach etwas mehr über mich selbst erfahren.
I)
Was mache ich alleine, krank in der Fremde, vielleicht gerade an
ganz abgelegenen Orten, vielleicht mit starken Schmerzen?
II)
Was ist in der Wüste,wenn ein Sandsturm mich tagelang
festhält?
III)
Was ist, wenn mir das Fahrrad so kaputt geht, daß ich es
nicht gleich reparieren kann?
IV)
Was ist bei den 300 oder 400 km Ortsentfernungen, wenn das Wasser
knapp wird?
V)
Was ist, wenn des nachts jemand kommt und nichts Gutes von mir
will?
VI)
Wie wehre ich mich da? Bin ich stark genug, zu widersprechen oder
füge ich mich einfach? Halte ich überhaupt diese
Grenzsituationen aus oder kehre ich um oder fliege ich nach Hause?
Für
eventuelle Notfälle war vorgesorgt, so daß mir viele
Wege offenstanden.
Was
ist passiert...? Einfach nichts!
Punkt
I) Krankheit:
a)
Die normale Darmfunktion
Waren
die Toiletten nicht ordentlich genug, mußte ich einfach
nicht. Natürlich schraubten sich mit der Zeit die Ansprüche
immer mehr herunter, so daß ich auch diesbezüglich viel
erlebte, aber zur Not ist es in der Natur noch sauberer, als bei
manchen Menschen und sauberer, als in vielen Hotels.
b)
Darminfektion
Ich
hatte sie öfter, aber nie so schlimm, wie ich es bei einem
früheren Tunesienaufenthalt erlebte, wo es oben und unten
herauskam und ich so schwach war, daß ich mich nur noch ins
Bett legen wollte. Und einmal habe ich ja aus diesem Grunde an
einem Dorf angehalten. Ich erfuhr Verständnis und habe den
ganzen Nachmittag geschlafen.
c)
Nackenschmerzen
Sie
hörten schon nach Europa wegen der Gewöhnung auf.
d)
Rückenschmerzen
Eigentlich
hatte ich gar keine. Als ich die ersten Spannungen spürte,
wußte ich, daß ich meine gymnastischen Übungen
auch auf dieser Reise ausführen muß. Und in den
Kameruner Bergen, als die Temperatur unter schätzungsweise
17° oder 16° fiel, zog ich ein Hemd und auch den
Nierenschutz an. Das war nicht ganz so einfach, denn diese Sachen
nutzen nur etwas, wenn sie trocken sind. Und es reicht ¼
Stunde, daß sie durchnaß sind. Aber dann mußte
eben eine Pause eingelegt und versucht werden, noch
anstrengungsloser zu fahren, so daß ich nicht so schwitzte.
Dabei halfen mir meine früheren Erfahrungen, so daß ich
entsprechend vorsichtig war. Sonstige Schmerzen habe ich nicht
gehabt. Wenn ich die Stärke der Sonne merkte, setzte ich den
Hut auf. Er war sehr wichtig. Auch merkte ich manchmal die Stärke
der Sonne, wenn ich oben ohne fuhr. Dann wurde eben das Hemd
angezogen. Muskeln und Gelenke wurden durch die Fahrweise
geschont.
e)
Verletzungen
Ich
hatte Glück, daß mein Sturz vor einem Hotel passierte,
so daß ich die Wunden gleich auswaschen und desinfizieren
konnte. Bei den folgenden schwierigen Pisten war ich dann viel
vorsichtiger, so daß auch dieser Sturz sein Gutes hatte.
f)
Unfälle
Unfälle
sind natürlich möglich. Durch einen guten Schutzengel,
Gespür und den Rückspiegel hatte ich das Glück,
ohne Unfall durchzukommen.
Um
keinen falschen Eindruck zu erwecken muß ich aber zugeben,
daß mich 2-mal ein Lastkraftwagen überfahren hätte,
wenn ich nicht von der Straße gesprungen wäre.
g)
Druckstellen und Geschwüre
Damit
hatte ich schon Last. Aber sie sind nicht lebensbedrohend. Durch
Pausen, Aufpolsterung des Sattels, Veränderung der Sattel-
und Lenkradposition, tägliches Waschen des Unterkörpers
lassen sich die Schwierigkeiten bewältigen.
Punkt
II) Sandsturm:
Ich
habe ihn erlebt. Zufällig mußte ich an dem Tag nur eine
kurze Strecke von Tan Tan nach Tan TanPlage bewältigen, weil
die nächsten 200 km keine Stadt eingezeichnet war und so
freute ich mich auch über dieses Erlebnis.
Grundsätzlich
ist zum Wind folgendes zu sagen:
Während
der Reisevorbereitung sah ich mir auch eine Karte der
Windströmungen an, die aber an der Route nichts verändert
hätten. Im Nachhinein bin ich sehr froh, an der
Atlantikküste, wo die Gegend weniger interessant war,
eigentlich ständig Rückenwind gehabt zu haben. Als der
Harmattan mir die letzten mehreren tausend Kilometer und viele
Wochen entgegen blies, da war die Gegend interessanter und
hügeliger und der Gegenwind fällt nicht ganz so auf.
Trotzdem kann er ganz schön nerven, weil es verlorene Energie
ist. Und es ist viel Energie. Verbunden damit, daß
entgegenkommende Lastkraftwagen diesen verstärken. Auch Staub
und Abgase belästigen mich als Radfahrer viel länger.
Und der Schub durch Lastkraftwagen gleicher Richtung ist geringer.
Punkt
III) Defekt am Fahrrad:
Das
kam eigentlich nicht vor. Die vielen Hinterradreparaturen habe ich
mir selbst zuzuschreiben, wie zuvor beschrieben und nächstes
Mal würde ich mich anders verhalten, so daß das Problem
entfällt. Sobald man am Fahrrad etwas bemerkt, muß man
reagieren. Das gehört zur Fahrradpflege und den defekten
Mantel habe ich nicht untersucht, denn dann hätte ich den Riß
bemerkt. Sollte ich die gleiche Tour noch einmal fahren, so denke
ich,ohne einen Platten auskommen zu können.
Punkt
IV) Wasser:
a)
Man bekommt ein Gespür für den Nachschub und dafür,
wann man seine Reserven mehr oder weniger auffüllen muß.
b)
Wenn auch kein Ort da ist, so ist doch eine Tankstelle nach
spätestens 150 km bis 200 km da, denn die Autos brauchen
Sprit.
c)
Wenn kein Wasser da ist, so doch wenigstens Coca - Cola. Danke und
herzlichen Glückwunsch an die Marketingabteilung und
Verkaufsförderung dieser Firma.
d)
Zusätzlich zu dem 5 ltr. Kanister und den 3 Fahrradflaschen
hatte ich noch zwei Wasserbeutel, die ich nie benutzt hatte.
Punkt
V) Nächtlicher Überfall
Es
gab keinen. Es kam wohl mal die Polizei und erkundigte sich nach
meinem Befinden. Es erschienen, wie ich noch an anderer Stelle
beschreiben werde, öfter Menschen, die mich dann zu sich nach
Hause mitnehmen wollten.
Punkt
VI) Wehren:
In
Kayes in Mali wurde ich im Zug überfallen und beraubt. Es
waren zwei bestimmt starke Männer, ungefähr 45 Jahre
alt. Sie waren aber sehr bemüht, mich so zu berauben, dass
ich es nicht merkte und das ist ihnen leider auch gelungen.
Da
ich mit Beraubung keinerlei Erfahrung hatte, war dieses möglich.
Noch einmal wird mir das nicht passieren. Aber auch für diese
Dinge muss man ein Gespür entwickeln. Ich bin ganz sicher,
daß während dieser Minute ein Griff zum Portemonnaie
meinerseits gereicht hätte und die Männer wären
unverrichteter Dinge weggelaufen. Nicht, weil sie ängstlich
waren, sondern weil sie keine Chance gehabt hätten. Ein
Schrei von mir hätte sofort viele andere Fahrgäste dazu
bewegt, diese Diebe zu fangen und die Polizei war auch nicht weit
entfernt.
In
Obala kam mir ein Mann, ca. 35 Jahre alt, entgegen, der mein
Fahrrad hielt und vor mir stehenblieb. Ich stand mit dem Rad. Er
sprach einige Forderungen, die ich nicht verstand. Als ich spürte,
dass er nichts Gutes wollte, stieg in mir eine Wut auf und mein
Blick reichte, dass er zurückwich und als ich vom Fahrrad
abstieg, rannte er weg. Vermutlich war er geistig nicht ganz
gesund, ich habe ihn im Tagebuch auch gar nicht erwähnt.
Auf
jeden Fall weiß ich, daß ich nicht zurückweichen
würde. Nicht, weil ich mutig bin, sondern weil die Diebe
"arme Willis" sind, die soviel "Schiss in der
Buchse" haben, daß sie zu solchen Mitteln greifen
müssen.
Ich
will die Überfallmöglichkeiten hier nicht verharmlosen.
Cathrin, Nazaires Frau, hat mir gestern und heute noch mal gesagt,
daß sie viel Angst um mich gehabt haben. Sollten wirklich
brutale und rücksichtslose Menschen mit Waffengewalt dir
etwas wegnehmen wollen, dann kannst Du nichts machen. Eine der
Methoden der Diebe ist es, in ein offenes Autofenster Tränengas
zu sprühen und schnell die griffbereiten Wertgegenstände
zu stehlen. Oder aber Nachts einen Unfall vorzutäuschen und
den Autofahrer mit Waffengewalt zu berauben. Aber diese Dinge habe
ich nicht erlebt.
An
dieser Stelle möchte ich aber erwähnen, dass ich eine
Nachtfahrt mit dem Rad für tödlich halte. Die Autos
fahren zu schnell, ohne Licht, ohne Rücksicht und ich
entschuldige mich für mein Vorurteil, aber spätestens
nach der 10. Dunkelheitsfahrt hat dich jemand über den Haufen
gefahren. Autoleichen und Unfälle sowie zu Krüppeln
gefahrene Menschen habe ich genug gesehen. Hier ist eine
Geschwindigkeitskontrolle usw. unbedingt angebracht.
An
dieser Stelle kann ich dann noch den 65-jährigen Mann mit
Schwert erwähnen, der mich von meinem Schlafplatz verdrängen
wollte. Aber innerlich musste ich lachen und gleichzeitig war ich
traurig, daß solche Christen von der Weihnachtsgeschichte
noch nichts gelernt hatten. Ich tat einfach so, als verstünde
ich ihn nicht und fragte immer nach der Kälte-Gradzahl in der
Nacht. Es war 1700 m hoch in den Kameruner Bergen.
Richtige
Grenzsituationen gab es nicht.
6.
Grund
Eine
längere Zeit ganz alleine und in Ruhe verbringen zu wollen.
Dieses
Ziel zu erreichen, war nicht möglich. Die ganz wenigen
Momente, in denen ich alleine war, habe ich genossen. Von
Einsamkeit kann gar keine Rede sein. Gerade in Afrika kommen ganz
viele Menschen auf mich zu und wenn ich ihnen erklärte, daß
ich alleine sein wollte, verstanden sie es nicht und sagten mir,
daß es hier nicht üblich ist.
Ruhe
gibt es kaum. Dann muß man an abgelegenen Orten bis Nachts
warten. In der Wüste gibt es dann wohl Momente, an denen man
nicht hört. Aber sie sind zu selten.
Wo
Afrikaner sind, da ist Leben, da ist was los. Da sind laute
Geräusche. Das Radio o.ä. wird aufgedreht bis der
Lautsprecher dröhnt. Die Motoren der Fahrzeuge werden
gescheucht, dass sie eigentlich explodieren müssten. Sind
diese Dinge nicht da, wird Musik gemacht oder laut gesungen.
7.
Grund
Ich
wollte einmal im Leben ganz alleine "auf mich gestellt sein".
Bisher
war in meinem Leben beruflich und privat alles vorherbestimmt.
Alles hatte sich ergeben aus den vorherigen Umständen.
Auch
dieses ist mir auf der Fahrt nicht gelungen. Es waren immer
Menschen da, die geholfen haben.
Bei
der Sandpiste, wo ich die Hilfe erst ablehnte, hielt der Fahrer
nach 100 m noch mal an und erklärte mir, wie schlecht und
sandig der Weg sei und daß es nur vernünftig ist, mit
ihm zu fahren. Und er hatte recht!
Bei
den steilen Bergen in Kamerun drehte ein junger Mann um und schob
mit mir das Rad die vielen km berghoch. Alleine hätte ich das
nicht geschafft.
Am
nächsten Tag war es ein Lehrer, der sich anbot, mir zu
helfen, weil es zu schwierig sei. Auch er hatte recht, ich war
froh und dankbar für seine Hilfe, die ich erst nach seiner
Hilfe beurteilen konnte.
Ich
hätte gar nicht gedacht, dass es noch einmal so lange und
steil berghoch gehen könnte. Und beide Helfer haben keine
Mühen gescheut. Sie waren beide durchnaß geschwitzt und
erwarteten keine Gegenleistung.